Haushaltsrede
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,
das ist schon eine Herausforderung, als 5. Redebeitrag noch etwas Neues und Substanzielles für einen Jahresrückblick und einen konstruktiven Ausblick auf das kommende Jahr 2026 anlässlich der heutigen Verabschiedung des Haushalts 2026 beizutragen …
Rückblickend auf das nun zu Ende gehende Jahr 2025 fällt mir der Titel eines Theaterdramas von Thornton Wilder ein … „Wir sind noch einmal davon gekommen!“
Das Virus hat uns – gleichwohl es noch unter uns schlummert – unerwartet in Ruhe gelassen, die sich gerade ins Billionenfache aufblähende KI-Blase ist trotz der irrsinnigen Summen noch nicht geplatzt, die Kriegsfronten, ob in der Ukraine oder Gaza oder sonstwo auf der Welt, halten immer noch einen einigermaßen beruhigenden Abstand zu uns, und der Geldsegen, den uns die Bundesregierung für die nächsten Jahre dank einer entfesselten Schuldenbremse zugesagt hat, kommt gerade rechtzeitig, um der angedrohten roten Karte des Regierungspräsidenten für diesen Haushalt zu entgehen. Mit mulmigem Gefühl, wissend, dass das Fahren mit durchschnittenen Schuldenbremsschläuchen alles andere als beruhigend ist. Für die Generation unter 50 Jahren, die mittlerweile in der Minderheit ist, ist die Zukunftsperspektive ganz besonders beängstigend.
Konstatieren wir also: Stimmungslage und die Aussichten sind alles andere als optimistisch.
Das Jahr 2025 hat sich nicht nur in meiner Wahrnehmung als eine mentale Überforderung herausgestellt. Die anhaltende Stimmungslage ist eher mit dem Fassbinder-Filmtitel „Angst essen Seele auf“ beschrieben …
Da ist es an der Zeit, sich wieder an den Philosophen Ernst Bloch zu erinnern, der in seinem bekanntesten Werk „Das Prinzip Hoffnung“ für eine begriffliche Klärung der Begriffe Angst und Furcht gesorgt hat:
Für Ernst Bloch sind Angst und Furcht eng verwandt, aber unterschiedlich: Furcht richtet sich auf ein bestimmtes, konkretes Objekt oder eine erkennbare Bedrohung (z. B. Krieg, Katastrophe), während Angst eine unbestimmte, diffusere Besorgnis über das „Wanken des Bodens“ ist, eine allgemeine Unsicherheit im „Woher, Wohin, Wer wir sind“. Bloch sieht Furcht und Angst als Ursprung seiner Philosophie der Hoffnung, die als aktive, positive Kraft dem passiven Fürchten entgegenwirkt …
Ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam in den kommenden Monaten unserer gemeinsamen kommunalen künftigen Arbeit und darüber hinaus mit der konstruktiven Kraft der Hoffnung dem passiven Fürchten das Fürchten lehren.
Das ist allerdings einfacher gesagt als getan!
Herr Oberbürgermeister, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren:
Ich würde mal behaupten, dass es noch nie in der Menschheitsgeschichte derart viele globale Transformationen gegeben hat, die so durchschlagende Wirkung auf unser begrenztes kommunales Leben haben wie heute.
Das fordert von uns eine veränderte Haltung in unserer politischen Arbeit in den kommenden Jahren, die uns aus der abwartenden Beobachterposition entlässt und uns stärker als bisher zu Akteuren macht, die nicht blind wie der Held Tarzan nach jeder beliebigen Liane greifen, um irgendwo hinzukommen.
Eine präventive, proaktive, vorausschauende und hochverantwortliche politische Arbeit hier vor Ort erfordert einen Paradigmenwechsel an diesem Ratstisch und in der kommunalen Verwaltung, über den wir in den kommenden Monaten miteinander sprechen müssen, um die notwendigen Handlungsstränge auf den Weg zu bringen.
Wir müssen weg vom Augenblicksentscheiden hin zu einer systemischen Arbeitsweise, die Veränderungen ermöglicht, indem wir Dynamiken, Perspektiven und Beziehungen innerhalb des Systems der Stadt Ulm verstehen und nutzen.
Wir können die Menschen nicht ändern, aber die Rahmenbedingungen, Sichtweisen und Interaktionen so verändern, dass Lösungen entstehen! Das ist letztlich der Auftrag, den uns die Bürgerinnen und Bürger gegeben haben.
Dazu brauchen wir einen Plan. Haben wir einen Plan?? Haben Sie, Herr Oberbürgermeister, einen Plan? Vielleicht einen Masterplan?
Aber das Wort Masterplan ist in der Politik – egal auf welcher Ebene – nicht so sexy. Dann lassen Sie uns, Herr Oberbürgermeister, doch bitte über Ziele reden.
Ich versuche es mal an 2 Beispielen:
Ein Ziel, dessen umfassende Bedeutung für unser politisches Gestalten und Entscheiden in den nächsten Monaten nicht nur mir, sondern auch einigen Kolleginnen und Kollegen an diesem Ratstisch in den vergangenen Wochen anlässlich der Personalentscheidung für die IT-Abteilung klar geworden ist, ist die Anwendung der beschleunigten Transformation im Bereich des Digitalen, der KI, der Robotik, der autonomen Mobilität mit all ihren Chancen und Risiken in der städtischen Verwaltung.
Die notwendige Abbildung der Stadt als einem Digitalen Zwilling in all ihren Lebensbereichen, so wie sie gerade ist, und daraus ableitend, wie sie in Zukunft sein wird, ist das herausragende Projekt der nächsten Jahre.
Dazu müssen wir die städtische IT aus ihrem Nischendasein holen und sie zu dem machen, was ihr wirklicher Stellenwert heute und in Zukunft ist und sein wird. Sie muss dringend in den Rang eines eigenen Fachbereichs gehoben werden, wenn nicht sogar darüber hinaus. Und sie muss zurück in den Macht- und Entscheidungsbereich des Oberbürgermeisters.
Keine Sorge, Herr Oberbürgermeister, Sie sollen ja nicht das Programmieren lernen, nein, das macht die KI mittlerweile selber. Aber Sie müssen die richtigen Fragen stellen! Darüber müssen wir in den kommenden Wochen miteinander reden!
Und ein zweites Thema, das ich hier als Frage hinterlegen möchte: Ist die dezentrale kommunale Verwaltung die richtige Struktur für die Herausforderungen der Zeit? Hält die dezentrale kommunale Verwaltung die Wucht und das Tempo der Transformationen aus – in Fragen der Sicherheit, der Auswirkungen der Klimaveränderungen auf den städtischen Raum, der Bedrohung der Wissensarbeit durch die KI, was ein potentieller Angriff auf die lokale Wirtschaft sein kann, weil nicht nur die Arbeit, sondern auch Innovation, Macht und Wertschöpfung neu verteilt werden …
Fragen über Fragen.
Wir sollten diese Frage nach der richtigen Struktur der Verwaltung ohne Denkverbote in einem offenen gemeinsamen Diskurs beantworten und wenn nötig den Kurs ändern.
Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen:
- Die FDP‑Fraktion stimmt dem HH 2026 uneingeschränkt zu.
- Die FDP‑Fraktion dankt den Bürgerinnen und Bürgern und den Unternehmen und dem Handwerk und dem Handel, die ihren großen steuerlichen Beitrag dazu geleistet haben.
- Die FDP‑Fraktion dankt der Verwaltung und den Mitarbeitern der Städtischen Betriebe für ihre aufopferungsvolle Arbeit im vergangenen Jahr und hoffentlich auch im nächsten!
- Die FDP‑Fraktion dankt der Bürgermeisterin, den Bürgermeistern und dem Oberbürgermeister für die Geduld, mit der Sie uns und unsere gemeinderätlichen Unberechenbarkeiten ertragen haben.
- Und wir danken den Kolleginnen und Kollegen hier am Ratstisch für die konstruktive und faire Zusammenarbeit.
- Und wir danken der Presse, dass sie immer so liebenswürdig über uns geschrieben hat! Und hoffen, dass die Presse auch im neuen Jahr wieder so liebenswürdig über uns schreiben wird, da wir uns schließlich bereits im Wahlkampfmodus für die Landtagswahl 2026 befinden.
- Und last but not least wünschen wir uns allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes Wiedersehen im Neuen Jahr.